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Lawrow warnt vor dem Versuch der USA, strategische Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen

Von Andrew Korybkov – 22. Januar 2026

Russland hat bewiesen, dass es in der Lage ist, seine nuklearen Zweitschlagfähigkeiten aufrechtzuerhalten, aber die fortgesetzten Versuche der USA, diese zu neutralisieren, sind extrem unfreundlich und behindern eine mögliche „neue Entspannung“ nach dem Ende des Ukraine-Konflikts erheblich.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hielt am Dienstag seine erste Pressekonferenz des Jahres ab, in der er die russische Politik zu einer Vielzahl von Themen erläuterte. Zu den wichtigsten Themen, die er ansprach, gehörte das bevorstehende Auslaufen des New-START-Vertrags Anfang nächsten Monats. Trump hatte zuvor Putins Vorschlag abgelehnt, dessen Laufzeit um ein weiteres Jahr zu verlängern. Lawrow interpretierte dies als Bestätigung des Versuchs der USA, „in bestimmten Bereichen der strategischen Stabilität” eine Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen.

Anschließend erläuterte er die vier miteinander verbundenen Wege, auf denen dies verfolgt wird. Der erste Ansatz ist die Stationierung von bodengestützten Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen durch die USA in Japan, auf den Philippinen und bald auch in Deutschland. Diese Politik wurde durch den Rückzug von Trump 1.0 aus dem Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag (INF-Vertrag) ermöglicht. Praktisch gesehen könnten die USA diese Raketen mit Atomwaffen ausrüsten, um sich in jedem Erstschlagszenario einen Vorteil zu verschaffen, da sie ihr Ziel treffen könnten, bevor der anvisierte Gegner Zeit hätte, die Bedrohung einzuschätzen.

Das zweite Element sind die Pläne der USA, den Einsatz ihrer Atomwaffen in Europa auszuweiten, über die der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist. Dennoch ergänzt diese Politik die oben erläuterte und zeigt, dass die USA ihre strategischen Atomwaffenstützpunkte in Europa nicht aufgeben werden. Sie verstärkt auch die strategischen Bedrohungen, denen Russland aus westlicher Richtung ausgesetzt ist, und stellt so sicher, dass der Großteil seiner strategischen Fähigkeiten auch nach dem Ende des Ukraine-Konflikts in diese Richtung ausgerichtet bleiben wird.

Der dritte Weg, mit dem die USA versuchen, strategische Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen, ist Trumps „Golden Dome“, dessen Zweck es ist, Russlands silobasierte Zweitschlagfähigkeiten zu neutralisieren. Der Erwerb Grönlands durch die USA würde es ihnen ermöglichen, russische Interkontinentalraketen über der Arktis abzufangen. Russlands Antwort darauf ist der Bau weiterer Atom-U-Boote für Zweitangriffe aus anderen Richtungen sowie der Bau weiterer Poseidon-Atom-Unterwasserdrohnen, mit denen verheerende Tsunamis ausgelöst werden können.

Und schließlich war der letzte Teil das Thema, mit dem sich Lawrow am längsten befasste, nämlich die Militarisierung des Weltraums durch die USA. Er sagte, dass die USA nur ein Verbot von Atomwaffen im Weltraum vorschlagen, nicht aber von nicht-atomaren Waffen, was ein stillschweigendes Eingeständnis ihrer Pläne in diesem Bereich ist. Lawrow erwähnte es nicht, aber der „Golden Dome” hat auch eine weltraumgestützte Komponente, die dazu genutzt werden könnte, dort heimlich Offensivwaffen anstelle von rein defensiven Abfangraketen zu stationieren. Diese Möglichkeit wirft für Russland viele Probleme auf.

Wenn man diese vier Bestandteile zusammenfügt, wird deutlich, dass Trump die bisher rückläufige unipolare Hegemonie der USA in globalen Angelegenheiten wiederherstellen will, was er vor allem dadurch erreichen will, dass er sich eine strategische Überlegenheit gegenüber Russland und China verschafft, um diese dann mit Erstschlägen zu erpressen. Die Verhinderung dieses düsteren Szenarios war einer der Gründe für die Sonderoperation Russlands, nachdem der Kreml von den geheimen Plänen der USA erfahren hatte, eines Tages offensive und defensive strategische Mittel in der Ukraine zu stationieren.

Unter Trump 2.0 globalisieren die USA nun solche Bedrohungen für die nuklearen Zweitschlagfähigkeiten Russlands und lösen damit ein nicht erklärtes strategisches Wettrüsten aus. Russlands Test der atomgetriebenen Burevestnik-Rakete mit unbegrenzter Reichweite Ende letzten Jahres sowie die damit verbundene Entwicklung anderer offensiver strategischer Mittel beweisen, dass es in der Lage ist, seine oben genannten Fähigkeiten zu erhalten. Dennoch ist der Versuch der USA, eine strategische Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen, extrem unfreundlich, was eine mögliche „neue Entspannung“ erheblich behindert.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache]

Soll man Merz trauen? Russland-Signale, europäische Orientierungslosigkeit und britische Nüchternheit.

Von Sabiene Jahn – 22. Januar 2026

Ein Satz, beiläufig formuliert, kaum kommentiert – und doch politisch aufgeladen. Friedrich Merz spricht von Ausgleich mit Russland, während Europa strategisch orientierungslos wirkt und Großbritannien nüchtern bilanziert, was vom Westen übrig ist. Warum blieb die Reaktion aus – in der CDU wie in den Medien? Und was sagt diese Stille über Vertrauen, Strategie und politische Wirklichkeit im Jahr 2026?

Als Friedrich Merz beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau davon sprach, man müsse „in längerer Perspektive“ wieder zu einem Ausgleich mit Russland kommen, und Russland sei ein europäisches Land, wirkte der Satz wie ein Fremdkörper im deutschen Diskurs (1). Kaum aufgegriffen von großen Medien, verschwand er rasch aus der öffentlichen Debatte. Zu schlecht passte er in ein politisches Klima, das seit Jahren von Eskalationslogik, moralischer Eindeutigkeit und strategischer Sprachverhärtung geprägt ist.

Doch der Satz fiel nicht ins Leere. Fast zeitgleich äußerte sich auch Wladimir Putin in ähnlich allgemeiner Tonlage: Europa werde langfristig zu konstruktiven Beziehungen mit Russland zurückkehren, man sei offen für „gegenseitig vorteilhafte Kooperation“(3). Zwei Stimmen, die sich rhetorisch berühren – und dennoch aus völlig unterschiedlichen Machtpositionen sprechen. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet daher nicht nur: Was meint Merz? Sondern vor allem: Soll man ihm trauen? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, indem man Merz isoliert betrachtet. Sie verlangt einen Blick auf das, was folgte – und auf das, was ausblieb. Auf die innerparteiliche Stille. Auf die mediale Zurückhaltung. Und auf den europäischen Kontext, in dem ein solcher Satz überhaupt gesagt werden kann.

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Oxfam-Bericht: Milliardärsvermögen sprunghaft angestiegen – ein Plädoyer für Enteignung

Von Andre Damon – 22. Januar 2026

Vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen wirtschaftlichen, sozialen und geopolitischen Krise versammeln sich die Milliardäre diese Woche zum Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos. Der Konflikt zwischen den USA und Europa über Trumps Annexionspläne gegen Grönland spitzt sich weiter zu. Gleichzeitig hat Trump im eigenen Land Minneapolis unter militärisch-polizeiliche Besatzung gestellt und ist dabei, eine Diktatur zu errichten.

Der Jahresbericht der britischen Wohltätigkeitsorganisation Oxfam, der am Montag erschienen ist, macht deutlich, welche soziale und wirtschaftliche Entwicklung dieser explosiven Eskalation der kapitalistischen Krise zugrunde liegt. Er zeigt, wie die gewaltsame Ausweitung von Diktatur und Krieg mit einer ebenso gewaltsamen Zunahme der sozialen Ungleichheit auf Weltebene einhergeht.

In dem Bericht „Resisting the Rule of the Rich“ (Widerstand gegen die Herrschaft der Reichen) wird betont, dass die Welt „einen kritischen Punkt erreicht hat“, an dem „extreme Ungleichheit“ die demokratischen Regierungsformen zerstört.

Die Ungleichheit nimmt schon seit Jahrzehnten zu, aber 2025 war ein Rekordjahr: Die Anhäufung von Reichtum durch die kapitalistische Oligarchie hat sich drastisch beschleunigt.

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Unterstützung für Generalstreik in Minneapolis wächst, während Trump den ICE-Terror eskaliert

Von Jerry White – 22. Januar 2026

Unter Arbeitern und Jugendlichen in Minneapolis nehmen Wut und Entschlossenheit zu, während die Trump-Regierung ihre Unterdrückungs- und Gewaltkampagne der Einwanderungsbehörde ICE eskaliert und mit einer direkten Militärintervention droht.

Am Dienstag fanden in der ganzen Stadt weitere Proteste statt. Es wächst die Unterstützung für einen Generalstreik am 23. Januar, um Trumps paramilitärische Kräfte zum Abzug zu zwingen und eine Anklage gegen den Bundesagenten zu erheben, der Renée Nicole Good ermordet hatte. Weitere Proteste gab es am Dienstag in Wisconsin, Oklahoma, New York, Ohio, New Mexico, Kalifornien, Kansas, Virginia und anderen Bundesstaaten.

Audry, eine junge Pflegehelferin, erklärte bei einer Protestveranstaltung vor dem Rathaus gegenüber der WSWS: „Das Glück und die Sicherheit meiner Familie und meiner Community sind mir wichtiger als mein Lohn. Ich will nicht mehr mitansehen, dass Leute sterben. Ich will nicht erleben, dass meine Familie und meine Freunde verschleppt werden. Das ist nicht in Ordnung. Deshalb gehe ich am Freitag nicht zur Arbeit. Was Trump macht, ist Terrorismus. Die ICE sind die wirklichen Inlandsterroristen.“

Eine junge Beschäftigte im Einzelhandel erklärte bei einer Demonstration vor dem Gouverneurssitz: „Ich bin gegen die Invasion der Bundesagenten in Minneapolis und das Massaker an Menschen auf unseren Straßen. Wir sind hier und verschaffen uns Gehör, um zu sagen: Wir haben genug davon. Wir kommen am Freitag alle zusammen, viele Leute von meiner Arbeit, so viele Leute wie möglich, für einen Generalstreik. Wir wollen zeigen, dass wir, die Bevölkerung, das nicht mehr hinnehmen.“

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Die Kapitulation der Kurden in Syrien – die USA haben sie fallen gelassen …

Von Amalia van Gent – 21. Januar 2026

Die USA haben die Seiten gewechselt: Die Kurden sind nicht mehr gefragt, wohl aber neu die Türkei und Damaskus. Amalia van Gent verfolgt die dortigen Geschehnisse täglich sehr aufmerksam. (cm)

Die Politik der zweiten Regierungszeit von Donald Trump fiel bisher noch nie durch diplomatisches Geschick auf. Das gilt auch für Tom Barrack, den US-Sonderbeauftragten in Syrien und zugleich amerikanischen Botschafter in der Türkei. In einer Erklärung auf X wies Tom Barrack gestern daraufhin, dass Washington im Kampf gegen die Dschihadisten (IS) in Syrien nun auf die Unterstützung «neuer Alliierter» zählen könne. Die Regierung in Damaskus habe sich der von den USA geführten Globalen Koalition zur Bekämpfung des ISIS angeschlossen und sei «bereit und in der Lage», Sicherheitsaufgaben zu übernehmen, einschliesslich der Kontrolle der IS-Haftanstalten und -Lager. Die Zusammenarbeit mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) bezeichnete er als «obsolet».

Wechsel der Allianzen

So machte Tom Barrack kurz und bündig klar, dass Washington in Syrien die Seiten gewechselt hat und nun Damaskus im Kampf gegen die Dschihadisten als wichtigsten Partner betrachte, nicht mehr wie bisher die Kurden. Historischer Rückblick: Zehn Jahre lang kämpften die SDF gemeinsam mit den USA und anderen europäischen Ländern in Syrien gegen die Dschihadisten des IS, bis sie diese im Jahr 2019 endgültig besiegt hatten. Dabei gab es in der kleinen kurdischen Minderheit bis zu 11.000 Tote und um die 30.000 Verletzte. Nach dem Sieg über den IS wurden die SDF beauftragt, für die Sicherheit von rund 9.000 gefangenen IS-Kämpfern und 38.000 weiteren Personen, darunter viele Familienangehörige von Kämpfern, in 20 Gefängnissen ihres Gebiets zu sorgen. Dabei versprachen sich die Kurden in erster Linie Schutz: Solange sie die IS-Haftanstalten und -Lager kontrollierten, würden sie ihrerseits den Schutz ihrer westlichen Partner genießen, glaubten sie – bis zuletzt. Es war eine Illusion.

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Droht eine Gaskrise? Gasreserven in der EU unter 50 Prozent gefallen, in Deutschland sind es sogar nur 40 Prozent

Von Igor Jushkow (übersetzt und kommentiert von Thomas Röper) – 21. Januar 2026

In Deutschland liegen die Gasreserven bei nur noch 41 Prozent und nur ein milder Winter kann eine Gaskrise noch verhindern. Auf Hilfe von den europäischen Nachbarn braucht niemand zu hoffen, denn dort sieht es nicht wesentlich besser aus.

Ich habe vor knapp einer Woche über die Füllstände der deutschen Gasspeicher berichtet, die so niedrig sind, wie noch nie in der Geschichte. Rein rechnerisch droht in weniger als 40 Tagen eine Gasmangellage, wenn der Winter nicht sehr mild bleibt. In dem Fall kann eine Erhöhung der LNG-Importe eine Gasmangellage noch verhindern. Im Falle eines kalten Winters kann auch eine Erhöhung die LNG-Importe, die durchaus möglich ist, einen Gasmangel nicht mehr verhindern.

Ein russischer Experte hat für die TASS in einem Artikel über die Gasprobleme der EU insgesamt berichtet, denn bei den europäischen Nachbarn sieht es nicht wesentlich besser aus. Ich habe den TASS-Artikel übersetzt, im Anschluss daran erkläre ich noch einmal, warum das Problem beim Gas nichts mit dem Ukraine-Krieg zu tun hat, sondern von der EU vor etwa zehn Jahren selbst geschaffen wurde. […]

Überschreiten der „Halbzeitmarke“ beim Gas: Welche Folgen hat der Rückgang der Gasreserven in Europa?

Igor Jushkow, Experte an der Finanzuniversität und beim Nationalen Energiesicherheitsfonds, über die Ursachen der angespannten Gaslage in der EU und die damit einhergehende doppelte Falle.

Die Gasreserven in europäischen Untergrundspeichern sind am 20. Januar unter 50 Prozent gefallen. Der verbleibende Füllstand betrug an diesem Tag 49,84 Prozent bzw. 55,1 Milliarden Kubikmeter, wie Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE), dem Verband der europäischen Gasinfrastrukturbetreiber, zeigen. Zum Vergleich: Am 20. Januar 2025 betrugen die Reserven 61 Prozent. Der aktuelle Füllstand liegt 14,66 Prozent unter dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre für dieses Datum.

Diese Zahlen werden zwangsläufig zu Spannungen auf dem europäischen Gasmarkt führen.

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Die regelbasierte Ordnung – wenn die Fiktion nicht mehr trägt

Von Elena Fritz-Global Affairs – 21. Januar 2026

In Davos hat Kanadas Premierminister Mark Carney etwas ausgesprochen, was das ideologische Fundament der sogenannten „regelbasierten Ordnung“ selbst demontiert.

Carney wörtlich:

„Wir wussten, dass die Erzählung von einer regelbasierten internationalen Ordnung teilweise eine Fiktion war: Die Stärksten setzten sich über Regeln hinweg, wenn es ihnen opportun erschien. … Das Völkerrecht wird mit unterschiedlicher Strenge angewendet – je nachdem, wer Angeklagter oder Opfer ist.“

Das ist kein Versprecher, sondern ein Eingeständnis: Diese Ordnung war nie universal, nie neutral, nie gleichmäßig. Sie war funktional – für die Mächtigen.

Carney weiter:

„Diese Fiktion war nützlich.“

Und genau darin liegt der Kern. Nützlich für wen? Für jene, die Regeln setzen, auslegen und bei Bedarf suspendieren konnten.

Noch deutlicher:

„Dieses Arrangement funktioniert nicht mehr. Wir befinden uns in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“
„Wir nehmen das Schild aus dem Fenster.“

Das heißt: Die öffentliche Bekenntnisrhetorik zur regelbasierten Ordnung wird abgeräumt, weil die Fiktion ihre Funktion verloren hat.

Hier beginnt die politische Sprengkraft. Denn dieselben westlichen Regierungen, die diese Ordnung jahrzehntelang als moralische Keule benutzt haben, räumen nun selbst ein, dass sie immer selektiv und machtgesteuert war.

Irak (2003, ohne UN-Mandat)
Libyen (2011, Regime Change)
Syrien (Sanktionen, Bombardierungen)
Jugoslawien (Angriffskrieg ohne Sicherheitsratsbeschluss)

All das lief unter dem Label der „regelbasierten Ordnung“, die Carney nun als Fiktion bezeichnet.

Oder zugespitzt: Die Regeln galten nie für alle. Sie galten für jene, die nicht stark genug waren, sich ihnen zu entziehen.

Warum wird das jetzt offen gesagt? Weil diese Ordnung erstmals nicht mehr nur gegen andere, sondern gegen eigene Interessen wirkt. Weil neue Machtzentren die alte Deutungshoheit aufbrechen.
Weil Sanktionen Gegenblöcke erzeugen.
Weil Eskalation nicht mehr folgenlos bleibt.

Carney:

„Wir haben die Fähigkeit, aufzuhören zu heucheln und die Realität beim Namen zu nennen.“

Das klingt wie Ehrlichkeit.
Ist aber ein strategischer Rückzug aus einer nicht mehr haltbaren Legende.

Carneys ehrlichster Satz bleibt:

„Wir befinden uns in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“

Nicht nur die Ordnung bricht.
Sondern auch ihr moralischer Anspruch.
Wenn sogar ein westlicher Regierungschef in Davos nun offen einräumt, dass die „regelbasierte Ordnung“ immer eine nützliche Fiktion war, haben uns Baerbock, Scholz, Merz, Wadephul, Strack-Zimmermann jahrelang genau diese Fiktion als außenpolitisches Dogma verkauft – und darauf eine Politik aufgebaut, die Deutschland wirtschaftlich, energiepolitisch und sicherheitspolitisch geschwächt hat. Mit moralischem Pathos wurde uns eine Ordnung als sakrosankt präsentiert, die es so nie gegeben hat – nicht im Irak, nicht in Libyen, nicht in Syrien, nicht in Jugoslawien. Oder zugespitzt: Deutschland hat reale Interessen für eine Legende geopfert – und jetzt fällt diese Legende selbst im Westen in sich zusammen.

Revision der Weltordnung für den US-Imperialismus

Von Sevim Dagdelen – 21. Januar 2026

Trumps „Friedensrat“ ist kein Friedensprojekt, sondern ein Kriegs- und Kolonialrat: Eine Institution auf Lebenszeit für den US-Präsidenten, die die UN entmachtet, Russland und China ausmanövriert und den westlichen Kolonialismus erneuert.

US-Präsident Donald Trump hat etwa 60 Länder weltweit anschreiben lassen, um einen sogenannten Friedensrat zu gründen. Schnell wurde klar, dass es nicht nur um den Wiederaufbau Gazas gehen soll. Der Friedensrat ermächtigt sich selbst, in allen Belangen tätig zu werden, die bisher exklusiv dem UN-Sicherheitsrat zukamen. Das alleinige Vetorecht haben die USA und der ewige Präsident Donald Trump.

Trumps Friedensrat ist ein Kriegsrat

Der Friedensrat zielt darauf ab, den UN-Sicherheitsrat mit seiner Hauptverantwortung für internationale Sicherheit und die Aufrechterhaltung des Weltfriedens zu ersetzen. Angenehmer Nebeneffekt für US-Präsident Donald Trump: Das Vetorecht insbesondere der ständigen Sicherheitsratsmitglieder Russland und China wird damit aufgehoben. Die multipolare Weltordnung – Ergebnis der Niederlage des deutschen Faschismus und des japanischen Militarismus sowie des Sieges der Alliierten und insbesondere der Sowjetunion – wird institutionell zertrümmert. Trumps Angebot zur Teilnahme am Friedensrat an Russland und China ist ein mafiöses Angebot.

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Der Erwerb Grönlands durch die USA könnte zu einem Abkommen über die kanadischen Arktisinseln führen

Von Andrew Korybko – 21. Januar 2026

Mit dem Erwerb Grönlands könnte Trump argumentieren, dass die Ausweitung des „Goldenen Domes” auf die arktischen Inseln Kanadas notwendig sei, um die Lücke zwischen der größten Insel der Welt und Alaska zu schließe. Die Errichtung von „Golden Dome”-Infrastruktur dort könnte dann auch als Deckmantel für den Einsatz neuer Offensivwaffensysteme in der Arktis gegen Russland und China dienen.

Trump stellte seinen Wunsch nach dem Erwerb Grönlands als unverzichtbar für sein Megaprojekt „Golden Dome” zur Raketenabwehr dar und deutete in seinem Beitrag, in dem er Zölle gegen mehrere NATO-Verbündete ankündigte, die symbolisch Militäreinheiten dorthin entsandt hatten, auch den Einsatz neuer Offensivwaffensysteme dort an. Laut mehreren aktuellen und ehemaligen Regierungsquellen, die NBC News kürzlich darüber informierten, verwendet er nun angeblich in privaten Gesprächen über Kanada eine ähnliche Sprache.

Sie behaupten, dass Trump nicht über die Stationierung von US-Truppen entlang der angeblich gefährdeten Nordgrenze Kanadas gesprochen habe, sondern stattdessen „mehr gemeinsame militärische Übungen und Operationen der USA und Kanadas sowie eine Verstärkung der gemeinsamen Luft- und Wasserpatrouillen und der amerikanischen Schiffsstreifen in der Arktis“ vorgeschlagen habe. Die angeblich defensiven Zwecke, denen diese Pläne dienen würden, würden jedoch immer noch eine auffällige Lücke im arktischen Abfangbereich des „Golden Dome“ zwischen Alaska und Grönland über den kanadischen Arktisinseln hinterlassen.

Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass die gemeldeten Vorschläge letztendlich darauf abzielen, sein Ziel voranzutreiben, eine „Golden Dome“-Infrastruktur auf diesen Inseln zu errichten, um diese Lücke zu schließen. Dort könnten auch offensive Waffensysteme stationiert werden, unter anderem unter dem Deckmantel von Abfangraketen, genau wie Russland den USA seit langem vorwirft, dies in Mittel- und Osteuropa im Hinblick auf ihre Raketenabwehrpläne in Polen und Rumänien zu planen, die maßgeblich die erste Quelle der Spannungen zwischen ihnen im 21. Jahrhundert waren.

Die Geschichte könnte sich wiederholen, wie Trumps mangelndes Interesse an einer Verlängerung des New-START-Vertrags vor dessen Auslaufen Anfang nächsten Monats bedrohlich andeutet, ganz zu schweigen von Verhandlungen über einen aktualisierten strategischen Rüstungskontrollvertrag mit Russland, der neue offensive Waffensysteme umfasst. Wenn die USA das Abkommen auslaufen lassen, könnte dies auf nicht erklärte Pläne zurückzuführen sein, offensive Waffen in der Arktis zu stationieren, sei es in Alaska, Grönland und/oder auf den arktischen Inseln Kanadas. Diese könnten ganz Russland abdecken und sogar China leicht erreichen.

In dieser Hinsicht wird China von den USA als ihr einziger strategischer Rivale angesehen, nicht Russland. Gemäß der von Elbridge Colby beeinflussten „Trump-Doktrin“ wird Russland zu einem Juniorpartner in einer wiederbelebten, von den USA geführten Weltordnung degradiert, in der die USA in dessen Rohstoffvorkommen investieren würden, um China den Zugang zu diesen zu verwehren und so seinen Aufstieg zur Supermacht zu bremsen. Wenn die Spannungen mit Russland nachlassen, würden die USA erwarten, dass Russland im Kriegsfall nicht versuchen würde, die von den USA aus der Arktis abgefeuerten Raketen abzufangen, die auf China zusteuern.

Unabhängig davon, wie sich die Beziehungen der USA zu Russland entwickeln und was Russland in dem oben genannten Szenario tun könnte, ist davon auszugehen, dass die USA die Ausweitung ihres militärischen Einflussbereichs auf die gesamte arktische Region Nordamerikas anstreben werden, angefangen bei Grönland bis hin zu den arktischen Inseln Kanadas. Der Erwerb des ersten Gebiets könnte zu einem durch Zölle erzwungenen Abkommen über den Aufbau militärischer Infrastruktur im zweiten Gebiet und möglicherweise zu gemeinsamen Rohstoffförderungsprojekten führen, die durch versprochene Zollvergünstigungen erleichtert werden könnten.

Kanada ist nicht in der Lage, seine arktischen Inseln zu verteidigen, sodass sie im Ernstfall den USA zur Verfügung stehen, aber Trump scheint nicht daran interessiert zu sein, sie zu annektieren, weshalb er sich wahrscheinlich für ein erzwungenes Abkommen entscheiden wird. Der Erwerb Grönlands würde es Trump ermöglichen, zu argumentieren, dass die Ausweitung des „Goldenen Domes” auf die arktischen Inseln Kanadas die Lücke zwischen der größten Insel der Welt und Alaska schließen würde. Kanada könnte dann entweder ein (unter den gegebenen Verhältnissen) relativ „faires“ Abkommen erzielen, nach der Einführung von Zöllen zu einem schlechteren gezwungen werden oder die Inseln gewaltsam verlieren.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache]

Enteignung in Kriegszeiten: Norwegen verschickt Brief an Bürger – die Normalisierung des Ungeheuerlichen ist zu beobachten

Von Marcus Klöckner – 21. Januar 2026

Norwegen bereitet sich auf Enteignungen von Eigentum in Kriegszeiten vor“ – so lautet eine aktuelle Schlagzeile [der US-amerikanischen Finanz- und Investmentzeitschrift Barron’s], die aufzeigt: Die Vorbereitungen auf einen Kriegsfall gehen reihum. Polen, Deutschland, Dänemark, Schweden usw.: Überall bereiten Politiker Länder und Gesellschaften auf das schier Undenkbare vor. Längst entwickelt sich eine Normalität des Ungeheuerlichen – mit Folgen, die schlimmer kaum sein könnten. Längst ist die Rede von Enteignungen – auch in Deutschland.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland bedingungslos. Das war das Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach nun rund 80 Jahren und acht Monaten bereitet sich Europa auf den Kriegsfall vor. Das Irrsinnige und zugleich Schlimme ist: Viele politische Führer in Europa meinen das ernst.

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